Gemeinschaftlich wohnen: Was meins ist, ist auch deins!

In gemeinschaftlichen Wohnprojekten verfolgen die Mitglieder gemeinsame Ziele und unterstützen sich gegenseitig. Wir haben uns zwei Projekte in Magdeburg näher angeschaut.

„MagdeDorf – Ökodorf in der Stadt“

(Magdeburg, 14. August 2019) Ein „Ökodorf“ in der Stadt wollen Dana, Nicole und Hartmut gründen. Mit rund 100 Mitbewohnern wollen sie wie in einer großen WG zusammenleben. Jeder hat zwar seine eigene Wohnung, aber niemand lebt völlig anonym nebenher, sondern gemeinschaftlich und nachhaltig. Das heißt, die Bewohner bündeln ihre Kräfte, teilen sich technische Geräte, helfen sich gegenseitig, kochen und essen gemeinsam, setzen Projekte um und stimmen sich immer wieder ab, wie sie zusammenleben wollen. „Wieviel wir getrennt und wieviel wir gemeinsam machen wollen, müssen wir zusammen regeln. Es hängt letztendlich von denen ab, die mitmachen“, erklärt Dana. Die Bewohner können Familien sein, Einzelpersonen, von verschiedener Herkunft, Berufen, Genrationen, Menschen mit Handicap und andere.

„Jeder ist willkommen, der andere willkommen heißt.“

Seit Anfang des Jahres werben Dana, Nicole und Hartmut für ihr Projekt „Gemeinschaft MD“, einige Mitstreiter haben sie schon gefunden. Vor kurzemnhaben sie jetzt den Verein „MagdeDorf – Ökodorf in der Stadt“ gegründet.

Sie hoffen, dass sie in rund zwei Jahren ihr Wohngemeinschaftsprojekt in die Tat umsetzen können. Sie treffen sich regelmäßig, um ihre Ideen und Wünsche für ihr Projekt zu diskutieren. Sie machen auch Ausflüge, um sich ähnliche Projekte an anderen Orten anzuschauen. Ein Vorbild ist das Ökodorf „Sieben Linden“ in der altmärkischen Gemeinde Beetzendorf. Es versteht sich als Modell- und Forschungsprojekt für eine zukunftsorientierte Lebensweise und ist weltweit mit anderen Ökodörfern vernetzt.

„Wir wollen unser Leben so sinnvoll und lebenswert wie möglich gestalten“, heißt es im „Selbstverständnis“ der Gemeinschaft MD, einer Art Satzung, in der sie ihre gemeinsamen Ziele schriftlich festhalten. Wer Mitglied werden will muss ihr zustimmen. Diese Richtlinie ist allerdings nicht völlig in Stein gemeißelt und wird immer wieder neu angepasst.

Die Mitglieder des Wohnprojektes wollen so umweltbewusst wie möglich leben. Es ist gewissermaßen wie ein Experiment, das der Frage nachgeht, inwieweit wir in unserer heutigen Gesellschaft sozialer und ökologischer zusammenleben können. Sie wollen mit ihrer Lebensweise „nach außen strahlen“, Vorbild sein und andere Menschen zu einem bewussteren Leben inspirieren. Die Gemeinschaft soll ein Ort der Begegnung werden für soziale Gruppen und lokale Initiativen. Mit Veranstaltungen verschiedenster Art, wie Festen, Flohmärkten, Workshops und Vorträgen, soll ein lebendiger Kontakt mit dem Umfeld entstehen. In dieser Gemeinschaft soll es auch Betriebe geben, z.B. einen Bioladen, ein Repair-Café, eine Kita, Gärtnerei und Werkstätten.

Ein ganzes Dorf wird es wahrscheinlich nicht gleich werden. Derzeit wird ein passendes Haus mit viel Grün drumherum in Magdeburg gesucht. Das kann ein altes Fabrikgebäude sein, ein Altbau, ein Neubau oder vielleicht sogar ein Plattenbau. Wichtig ist ihnen, dass es in Magdeburg steht, denn sie sind hier alle verwurzelt und die Infrastruktur der Stadt erleichtert den Alltag. „Warum muss man aufs Land ziehen, nur weil man anders leben will?“, fragt Dana. Das alles klingt utopisch, ist aber nicht unrealistisch.

Vitopia im Herrenkrug an der Elbe

Bei Vitopia wird gerade viel gebaut. Alle packen mit an, denn ein Großteil der Baumaßnahmen führen die Bewohner in Eigenregie durch. Susanne Bürger schaut,ob auf der Baustelle alles nach Plan läuft. Foto: Florian Schreiter

Im Herrenkrugpark, gegenüber dem Hotel und direkt am Elbradweg gelegen, gibt es seit einigen Jahren ein ähnliches und erfolgreiches, sozial-ökologisch-orientiertes Wohnprojekt: Vitopia. Dort leben derzeit 7 Erwachsene und 4 Kinder.

Susanne Bürger ist von Anfang an dabei. Sie lebt dort mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Während sie in der Gemeinschaftsküche Pizzateig knetet, erklärt sie, was ihr am gemeinschaftlichen Wohnen gefällt. „Man findet hier immer einen zum Quatschen und jemanden, der auf die Kinder aufpasst. Abends wird gemeinsam gekocht und gegessen.

„Da der Küchendienst sich abwechselt, ist das oft eine Entlastung, wenn man von der Arbeit kommt.“ Gekocht wird bevorzugt vegan und vegetarisch. „Wer aber mal eine Bratwurst essen möchte, kann das auch tun, da sind wir nicht zu dogmatisch.“ Da man sich mit den Mitbewohnern immer wieder verständigen muss, fördere das die Persönlichkeitsentwicklung. Das merke sie auch an ihren Kindern.

Werkzeuge, Waschmaschine, Garten, Autos und Fahrräder werden gemeinsam genutzt. Das schont nicht nur die Umwelt, sondern spart auch Geld.

Allerdings wendet Susanne Bürger ein, dass man diese Art des Zusammenlebens auch wirklich wollen muss. Es sei sicher nicht für jeden etwas. Man muss Lust darauf haben, sich regelmäßig mit anderen auseinanderzusetzen, gemeinsam Dinge zu tun, Konflikte auszuhandeln, Kompromisse einzugehen und sich für das Thema Nachhaltigkeit interessieren.

Aber auch wer nicht in der Gemeinschaft wohnt, kann sich einbringen und sich ausprobieren. „Ein alte Dame hilft zum Beispiel gerne bei der Gartenarbeit, da  ein eigener Garten für sie zu anstrengend wäre und sie gerne mit anderen gemeinsam Dinge tut“, erzählt Susanne Bürger. Außerdem organsiert Vitopia regelmäßig Veranstaltungen wie Flohmärkte, Vorträge, Workshops und Konzerte. Ideen von anderen Vereinen und Organisationen sind immer willkommen.

Das Gelände von Vitopia war früher ein Standort des Eigenbetriebes Stadtgärten und Friedhöfe. Nach sieben Jahren Leerstand schrieb die Stadt das Gelände zur Neunutzung aus. Das Konzept von Vitopia überzeugte und bekam den Zuschlag.

Das Gärtnerhaus wurde zum Wohnhaus ausgebaut. Aus dem daneben liegenden ehemaligen Stall  wurde das Café Verde. An den Wochenenden werden möglichst regionale, biologische Getränke und Speisen aus fairem Handel angeboten; z.B. selbstgebackener Kuchen, Käseplatten, Suppen, Quiche. Viele Radfahrer machen gerne im Café Verde Rast. Das Café mit Terrasse bietet Platz für 30 Personen und wird auch für Schulungen, Seminare, Firmen- und Privatfeiern vermietet.

Derzeit wird das ehemalige Lagerhaus ausgebaut. Dort werden Wohnungen entstehen. Wenn es fertig ist, können weitere Bewohner einziehen. Aus dem Gärtnerhaus soll dann eine Herberge für Radfahrer werden. Es soll Platz für zehn Übernachtungsgäste geben, eine Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt und eine Fahrradvermietung.

Ein weiteres Lagerhaus soll zukünftig zusätzliche Räume für Seminare und Workshops bieten. Es wird nach Richtlinien des Denkmalschutzes ausgebaut. Außerdem kommen ökologische Baustoffe wie Lehm und Schilf zum Einsatz. Auf der Baustelle herrscht ein reges Treiben. Vieles wird in Eigenleistung gebaut und jeder, der kann, packt mit an, so wie er kann.

Im Garten wird Permakultur betrieben. Hier dürfen die Pflanzen wilder wachsen, als in einem herkömmlichen Garten. Es werden Pflanzen ausgewählt, die sich untereinander harmonieren, z.B. in der Abwehr von Schädlingen oder im Verbrauch von Nährstoffen. Permakultur ist ein Konzept um besonders nachhaltig und umweltschonend zu wirtschaften, so wie beim gemeinschaftlichen Wohnen.

Vitopia ist eine Genossenschaft mit rund 100 Mitgliedern aus ganz Deutschland. Darüber hinaus wurde der Verein „Lebensraum am Fluss – Kultopia e.V.“ gegründet. Er führt Seminare und Workshops zu Umwelt- und Friedensthemen durch und unterstützt den denkmalschutzgerechten Ausbau der Gebäude der alten Gärtnerei.

Ein besonderes dauerhaftes Projekt befindet sich im Garten. Dort gibt es eine Trockentrenntoilette für Veranstaltungen und Seminare. Aus dem getrennten festen und flüssigen Rohstoffen kann Schwarzerde und Pflanzenkohle hergestellt werden. Damit kann der Boden gedüngt oder ähnlich wie Holzkohle zum Grillen verwendet werden. Und nein, das Produkt stinkt nicht, versichert Susanne Bürger.

Hinweis
Dieser Artikel wurde im Magdeburger Familienmagazin ottokar veröffentlicht.

Florian Schreiter

Florian Schreiter ist Journalist und Storyscout. Er sucht nach Geschichten die etwas bewirken, die Impulse und Orientierung geben, Mut machen oder einfach nur unterhalten. Kontakt: fs@berichtenswert.info

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